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Nah-Erholung statt Abstandhalten

Aktualisiert: 24. Apr. 2023

Ein Plädoyer für mehr Berührung





Die Fokussierung auf kognitive und mentale Prozesse, wie wir sie notgedrungen in den vergangenen zwei Jahren durch die Pandemiemaßnahmen eingeübt haben, bleibt weiterhin tonangebend in unserem digital bestimmten Alltag. Dies entfremdet uns von unserem Körper und damit vom Glück am Mensch-Sein. Berührung aber, ist für die menschliche Spezies unabdingbar. So soll dieser Beitrag ein Plädoyer dafür sein, den Körper den wir behausen wieder mit mehr Freundlichkeit zu beschenken und ihn weniger als eine Maschine zu betrachten, deren Instandhaltung wohl oder übel durch uns gewährleistet werden muss.




Berührung als Medizin


Händeschütteln, eine Umarmung zu Begrüßung und Abschied, ein Kuss gar, das ist Kommunikation, die unmerklich aus unserem Alltag zu verschwinden drohen. Wir haben uns daran gewöhnt. Nicht aber unsere Körper und das aus gutem Grund: Offline-Begegnungen mit anderen Menschen, das Empfangen und Schenken freundlicher Gesten tragen nämlich zu einem guten Immunsystem bei.

Warum? Ein rundes Selbstgefühl, ein gesundes Geist-Körper-Psyche-System sind ohne die Hilfe eines anderen Menschen gar nicht denkbar. Ganz augenfällig ist das bei Babys. Sie brauchen fortwährend Unterstützung beim Verdauen, Sauberbleiben, Essen und der Fortbewegung. Beim Erwachsenen ändert sich lediglich der Grad der Hilfebedürftigkeit. Die Abhängigkeit von anderen Körpern/Menschen/Wesen bleibt Zeit unseres Lebens erhalten. Verschiedene Studien mit Mäusen und Menschen haben gezeigt, dass Berührungen das Immunsystem stärken. Mäuse, die über eine Woche täglich massiert wurden, hatten danach eine deutlich gestärkte Abwehrreaktion. Menschen, die jeden Tag umarmt werden, sind weniger anfällig für Erkältung. Dies belegt die Forschung, die zwar die biochemischen Wirkmechanismen noch nicht ganz genau durchschaut hat, die die signifikante Wirkung aber bestätigt:

Eindrücklich auch die Tatsache, dass Massage eine der am meisten empfohlenen Arten alternativer Therapien zur Behandlung der Symptome des chronischen Erschöpfungssyndroms CFS, das viele chronische Erkrankungen, unter anderem auch das Post-Covid, bzw. Long-Covid-Syndrom begleiten kann. Sie fördert die Genesung signifikant.

Knuddeln und Schmusen gibt es nicht auf Rezept. Wir alle könnten uns jedoch dafür entscheiden unser Leben berührender zu gestalten und unserem eigenen Immunsystem und dem der anderen auf die Sprünge zu helfen.


Warum tun wir es nicht einfach?


Viele innere Bedenken können zum Beispiel einer Umarmung im Weg stehen: Möchte die andere Person Körperkontakt oder nicht? Darf ich mich – so wie ich bin- zumuten oder mogle ich mich lieber weitgehend berührungslos durchs Leben, weil mir zum Beispiel

... mein Körper unheimlich ist und ich beim Blick in den Spiegel schon fast automatisch den Schwächen-Zoom einschalte. ...Dann werde ich dieses vermeintliche Mängelexemplar nicht auch noch mit Freundlichkeit belohnen.

... weil ich vermute, dass nur ich selbst mich nach Berührung sehne, während die anderen das gar nicht vermissen... Dann werde ich bewusst oder unbewusst dieses Bedürfnis vielleicht irgendwo versteckt unterbringen, mit meinem Haustier kuscheln oder die Intervalle von Friseur, Fußpflege und Kosmetikterminen verkürzen.


Mit der Lust auf Sex, lässt sich die Hürde gelegentlich leichter überspringen


Wenn ich die Eltern von Säuglingen und Kleinkindern einmal ausnehme, erleben die meisten Erwachsenen, Berührung hauptsächlich im Kontext von Sexualität. Hier können wir unser Bedürfnis vermeintlich legitim ausleben. Das ungestillte Berührungsbedürfnis ist jedoch nicht mit der Lust auf Sex gleichzusetzen, was bei Paaren leider nicht selten zu Missverständnissen und Streit führt. Dann fassen wir den/die Partner:in auch gegen unseren Berührungsimpuls vorsichtshalber lieber nicht an, wenn wir Gefahr laufen uninspiriert im Bett, statt einfach nur kurz in einer wohltuenden Umarmung zu landen. - Um die Perspektive auf dieses Dilemma einmal zu verändern: Sehr zum Nachteil der Sexualität, die entlastet von dieser Aufgabe, kreativer und aufregender gelebt werden könnte.

Bewusst gegen Berührungsscham vorgehen


Dankbare Wahrnehmung

Das bedeutet, dem Körper nicht nur dann Beachtung zu schenken, wenn er sich mit Unwohlsein und Schmerzen meldet. Um das zu verändern könnten wir damit beginnen die Wahrnehmung einmal Spaßes halber in die entgegengesetzte Richtung zu lenken. Wie fühlt sich eigentlich eine gut gelaunte Leber, ein munterer Darm, ein bewegungsfreudiger Muskel oder ein lebenslustiges Herz an? Welchen Organen und Körpergebieten geht es jetzt gerade richtig gut? Kann ich ihnen dafür ein dankbares inneres Lächeln schenken?


Berührungsscham verliert sich auch durch Berührungskompetenz

Und die können wir ganz gut an unserem eigenen Körper gewinnen. Haarebürsten, Waschen, Eincremen, sind tägliche Verrichtungen, die wir achtsamer gestalten und kritischer unter die Lupe nehmen könnten. Was tut uns gut? Könnten wir eine wohltuendere Körperhaltung beim Arbeiten einnehmen, bequemere Schuhe, angenehmere Stoffe tragen, usw. So können wir nach und nach herausfinden, wie wir selbst "ticken", an welchen Stellen Wärme, Kühles, weicher oder satter Druck und viele andere Empfindungen sich an unserem Körper gut anfühlen. Wir erwerben Berührungsgeschick, dass uns dabei hilft andere Körper ebenfalls zu erfreuen. Und nebenbei gesagt: Je genauer wir wissen, wie und was uns gefällt, um so genauer können wir das anderen Menschen, die uns durch ihre Berührung eine Freude machen wollen, das auch vermitteln.


Von mir zum anderen


Anbieten statt Überrumpeln ist für die meisten Charaktere am besten geeignet. :). Die Andeutung einer Berührungsabsicht ist leicht. Die etwas gehobene, angewinkelte rechte Hand eröffnet die Möglichkeit des Händeschüttelns. Die gestreckten vom Rumpf genommenen Arme, mit leicht nach Vorne gerichteten offenen Handflächen, laden zu einer Umarmung ein. Sie können von unserem Gegenüber gefahrlos übergangen und durch eine kontaktlose Interaktion ersetzt werden, ohne, dass einer von uns beiden sein Gesicht verlieren muss.


Mehr Eindeutigkeit tut in Beziehungen mit Menschen gut, mit denen wir zusammenleben. Zurückweisungen sind hier gefährlicher. Familienmitglieder brauchen aber die Möglichkeit, ihre Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der anderen hin und wieder etwas "herunter zu dimmen", um immer wieder zunächst den eigenen Haushalt zu regulieren. Niemand ist allzeit bereit!

Einfache Sätze, die am besten dann ausgesprochen werden, wenn eine Zurückweisung nicht sehr wahrscheinlich ist, helfen, die Berührungskultur in Partnerschaft und Familie positiv zu verändern: "Du ich will einfach nur eine kurze Umarmung" oder "Hast Du auch Lust auf zehn Minuten kuscheln" oder "Ich würde Dir Deinen Nacken für ein paar Minuten massieren, wenn Du magst". helfen dabei.


Besonders wichtig beim Berühren ist das Gespür für gutes Timing. Vor dem Berührungsangebot hilft Blickkontakt und ein Lächeln in den Augen. Das Beenden der Berührung gelingt leicht, indem wir in eine kurze, entschlossene Intensivierung des Kontakts gehen, um dann vollständig daraus herauszutreten und wieder bei uns selbst anzukommen. Dann den Kontakt mit einem Nicken oder Lächeln abschließen. So ist die Berührung in ein kleines Ritual eingebettet, auf das sich beide Körper zu einem späteren Zeitpunkt wieder gerne einlassen. Übergehen Sie Ihr Empfinden, einen Kontakt lösen zu wollen nicht! Auch dann nicht, wenn der andere Mensch, den Kontakt offensichtlich noch verlängern will. Es gilt gemeinsam den mittleren Weg zwischen unterschiedlichen Berührungsbedürfnissen zu finden.


Professionelle Berührung - Achtsame Massage


Gelegentlich werde ich gefragt, ob "bezahlte" Berührung denn diese zwischenmenschliche Berührung ersetzen kann. Ja und Nein. Achtsame Massage erfordert zwar Vertrauen zwischen Behandler:in und Klient:in, eine gelungene Behandlung jedoch, ist ein Selbsterfahrungsangebot, indem der/die Behandler:in lediglich das Werkzeug der Erfahrung ist. Sie ermöglicht das einseitige Nehmen von Berührung Anders als in Liebes- oder familiären Beziehungen erfolgt die Anerkennung des Wertes der Berührung über Bezahlung, so dass kein weiterer Ausgleich notwendig wird.

Eine qualitativ hochwertige Massage schult die Achtsamkeit für die eigenen positiven Körperwahrnehmungen und reguliert das energetische System des Empfangenden. Sie fördert im besten Falle das mentale, körperliche und emotionale Wohlsein - den Einklang mit sich selbst. Damit trägt sie präventiv zur Gesunderhaltung des Organismus bei, sie stillt Berührungsbedürfnis, wo vielleicht nur wenig andere Berührung gegeben ist und macht dadurch freier und selbst-bewusster, was indirekt den Kontakt und das "In-Berührung-Kommen" mit anderen Menschen erleichtert.


Alles Liebe und berührende Momente für Sie

Katharina Hettler












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